Die Metamorphose vom Buch auf die Bühne (Teil II)

Nachdem es im ersten vorgestellten Stück dieser kleinen Reihe hauptsächlich um verschiedene Märchenmotive und die Auseinandersetzung mit dem Genre an sich ging, soll im Folgenden ein ganz konkretes Märchen vorgestellt werden. Denn Märchen spielen für die Spielpläne der Kindertheater eine elementare Rolle und sind so Bestandteil fast jeder Spielsaison. Mit ihnen erreicht man alle Generationen und gerade die Erwachsenen, an denen es nun einmal liegt, dass die Kinder die Möglichkeit bekommen, Theater zu erleben, gehen oftmals lieber zu einem bekannten als zu einem unbekannten Stück.

Am tjg. in Dresden gestaltet sich die Märchenauswahl aber immer wieder sehr vielseitig und man schreckt auch vor so alten Märchenstoffen wie Sindbad der Seefahrer nicht zurück. Die Erzählung gehört zu der Märchensammlung aus Tausendundeiner Nacht, die als die älteste uns bekannte Märchensammlung gilt und aus dem 8.-10. Jahrhundert stammt. Sie ist das Ergebnis einer zweitausendjährigen Überlieferung und wurde währenddessen immer wieder erweitert und verändert. Daher gibt es in diesem Fall also auch für Sindbad der Seefahrer keine eindeutige Vorlage, sondern viel mehr verschiedene Überlieferungen, Bearbeitungen und Versionen, die zum Teil stark voneinander abweichen. Wie das tjg. diese eigentliche Schwierigkeit für die Inszenierung genutzt hat, hat uns sehr gefallen.

Sindbad der Seefahrer nach den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Am tjg. Theater der jungen Generation Dresden spartenübergreifend in einer Fassung von Ania Michaelis aufgeführt.

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Vom Buch auf die Bühne – Warten auf Sindbad

In Sindbad der Seefahrer erzählt der reiche Abenteurer Sindbad einem armen Lastenträger, der ebenso den Namen Sindbad trägt, von seinen sieben Reisen. Eine ungeheuerlicher als die andere – packend und spannend aber bis zum Schluss. Fast immer begibt Sindbad der Seefahrer sich dabei in Lebensgefahr, übersteht das Abenteuer aber wie von Wunderhand jedes Mal und kehrt nach Bagdad zurück. Soweit ein grober Überblick zum Inhalt.

Die Inszenierung am tjg. beginnt allerdings weder mit der Begegnung der beiden Namensvetter, noch mit einer der Reisen. Die Regisseurin Ania Michaelis hat den Umstand, dass die Originalquellen im Dunklen liegen und es somit viele verschiede Versionen der Geschichte gibt, zum Inhalt ihrer Version gemacht. Sie hat eine Mataebene geschaffen, die uns neben dem eigentlichen Sindbad-Stoff noch eine andere Geschichte erzählt. Die Geschichte einer Theatergruppe, die es sich ebenso zur Aufgabe gemacht hat, den Sindbad samt seiner Abenteuer auf die Bühne zu bringen.

Jeder im Ensemble kennt natürlich eine andere Fassung des Märchens oder möchte bestimmte Inhalte besonders hervorheben. Und natürlich möchte am liebsten auch jeder der bunten Theatertruppe gern den Sindbad spielen. Kein leichtes Unterfangen also für den Regisseur Emil, der zusehen muss, dass er den Überblick behält – und das ist ziemlich witzig!

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Szene aus Sindbad der Seefahrer © tjg. Dresden, Foto: Marco Prill

Doch das Bühnenwerk um Sindbad den Seefahrer am tjg. ist nicht nur witzig – nein, es hält vor allem jede Menge Überraschungen bereit. So wird beispielsweise anfänglich nur auf der recht schmalen Vorderbühne der Großen Bühne gespielt und man staunt, wie vielseitig doch ein einfaches fahrbares Brett und ein schmaler Streifen mit aufgeschüttetem Sand vom Ensemble genutzt werden. Besonders bemerkenswert ist das natürlich in dem Moment, in dem sich der Eiserne Vorhang öffnet und die große Hinterbühne zum Vorschein kommt. Denn es gelingt der verrückten Theatertruppe tatsächlich die verschiedenen Reisen zu inszenieren und für einige von diesen Abenteuern braucht man eben eine atemberaubende Kulisse, die sich im großen hinteren Bereich der Bühne wunderbar entfalten kann.

Von Reise zu Reise wechselt die Hauptrolle des Sindbads unter den Ensemblemitgliedern, was dem Märchen einen ganz anderen Charakter verleiht. Das Wesen des großen Sindbads wird dabei jedes Mal hinterfragt. Ist er ein Held oder doch eher ein Trickser? Was ist ihm wichtig? Was macht ihn aus?

Die Verwandlung von der Buchvorlage zum Stück geschieht hier also wieder auf eine ganz andere Art und Weise, wie noch im Stück Ein Märchen aus unserer letzten Besprechung. Inhalte und Motive des Märchens werden hier zwar ebenso stark stilisiert dargestellt, doch die Idee vom Stück im Stück sowie der spartenübergreifende Ansatz (Schauspiel und Puppentheater) sorgt natürlich für ganz neue Zusammenhänge, sodass man hier eher von einer Bearbeitung sprechen muss. Einer Bearbeitung, der es allerdings gelingt, den angestaubten Mythos von Tausendundeiner Nacht so für die Bühne zu verwandeln, dass das junge Publikum im Saal sich bestens unterhalten fühlt.

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Der Eiserne Vorhang öffnet sich – Szene aus Sindbad der Seefahrer © tjg. Dresden, Foto: Marco Prill

In einem weiteren Theaterstück, das hier unbedingt auch seinen Platz bekommen soll, geht es in einer kurzen Szene auch um die Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Sie werden den Kindern in einem Flüchtlingslager abends erzählt. Unter diesen Kindern ist auch Akim. Er hat nach einer langen und schrecklichen Flucht vor Krieg und Gefangenschaft dort Schutz gefunden – von seiner Familie aber wurde er getrennt. Um seine Geschichte soll es in dieser besonderen Inszenierung gehen.

Akim rennt von Claude K. Dubois und übersetzt von Tobias Scheffel, erschienen im Moritz Verlag. Eine Produktion des Theaterkollektivs compagnie toit végétal unter Leitung von Sarah Mehlfeld, Thomas Jäckel und Christina Hillinger als Objekttheater-Stück mit Live-Projektion an verschiedenen Bühnen aufgeführt.

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Akim rennt © Moritz Verlag, Illustrationen: Claude K. Dubois

Das Stück Akim rennt basiert auf der gleichnamigen Bilderbuchvorlage der Belgierin Claude K. Dubois und erzählt die Geschichte, wie über dem kleinen Akim und seiner Familie der Krieg einbricht. Von einem Moment auf den nächsten ist nichts mehr wie es war und der Junge ist unter Fremden auf sich allein gestellt. Getrennt von seinen Lieben ist er auf einmal auf der Flucht – auf der Flucht vor etwas, das er nicht versteht.

Die Illustrationen sind fast reine Schwarz-Weiß-Zeichnungen – lediglich ein heller, erdiger Ton wurde von der Illustratorin an Farbigkeit zugestanden. Sie wirken zudem wie reine Skizzen, in denen Dubois allein den kleinen Hauptprotagonisten detaillierter zeichnet, um ihn somit von weiteren Bildgegenständen abzuheben. Was wie die Vorarbeit zu einem Bilderbuch wirkt, ist hier von der Autorin ganz bewusst so gewählt. Denn gerade dieses skizzenhafte Erzählen nimmt der Geschichte durch den flüchtigen und unfertigen Charakter etwas von ihrem Schrecken. Und dennoch wird nichts beschönigt und die kleinen Betrachter werden ernst genommen. Eine wirklich hervorragende Arbeit, um Kinder ab dem Grundschulalter an das Thema Krieg und Flucht behutsam heranzuführen und aufkommende Fragen zu beantworten..

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Innenseite aus: Akim rennt © Moritz Verlag, Illustrationen: Claude K. Dubois

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Innenseite aus: Akim rennt © Moritz Verlag, Illustrationen: Claude K. Dubois

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Innenseite aus: Akim rennt © Moritz Verlag, Illustrationen: Claude K. Dubois

Das Theaterkollektiv compagnie toit végétal hat dieses außergewöhnliche Bilderbuch in ein Theaterstück verwandelt und dabei ebenso die Wichtigkeit des skizzenhaften Darstellens erkannt. So ist eine Inszenierung entstanden, die in ganz besonderer Weise von ihrer literarischen Vorlage ausgeht, indem sie sie Teil des Stückes werden lässt.

Die Bilder des Bilderbuches werden live auf eine Leinwand projiziert und durch Musik, Geräusche und verschiedene Materialien zum Leben erweckt. Der Theaterraum entspricht nicht den gängigen Erwartungen und Bühnen gibt es im Grunde zwei verschiedene. Auf der einen kann man den Akteuren direkt beim Inszenieren mit den verschiedenen Materialien und Flüssigkeiten zuschauen. Das Ergebnis dieser Kunst ist dann parallel auf der zweiten Bühne zu sehen – der Leinwand. Gesprochen wird nicht – die Texte aus dem Buch werden durch Klänge und Geräusche ersetzt. Feinstes Objekttheater also, das alle Sinne anspricht und viel Raum für die eigene Vorstellungskraft lässt.

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Theaterraum „Akim rennt“

Generalprobe "Akim rennt" am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Generalprobe „Akim rennt“ am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Generalprobe "Akim rennt" am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Generalprobe „Akim rennt“ am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Uns gefällt diese Herangehensweise sehr gut – auch wenn es uns bisher noch gar nicht möglich war, live dabei zu sein. Das Ensemble zeigt das Stück immer an verschiedenen Aufführungsorten – bisher u.a. in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf oder Marburg (hier zu den aktuellen Terminen). Glücklicherweise kann man sich aber einen Trailer anschauen, der einen sehr authentischen Eindruck vom Stück gibt. Uns hat er in jedem Falle mitgerissen und uns dazu bewogen dieses Stück hier mit vorzustellen. Auch weil diese Theaterarbeit einmal mehr zeigt, wie vielseitig Kinderliteratur auf deutschsprachigen Bühnen umgesetzt wird und welches Potential darin steckt.

Im Fall von Akim rennt besucht ein Kind beispielsweise nie nur das Stück allein – wichtiger Bestandteil der Aufführung ist ein anschließendes Gespräch zwischen Ensemble und Publikum. So lässt man die jungen Menschen ganz direkt teilhaben und bezieht sie mit ein. Und das macht in unseren Augen Theater aus: Teilhabe an Kunst und Kultur, um den eigenen Horizont zu erweitern und das Herz zu öffnen. Denn so entsteht Mitgefühl, Offenheit und Selbstbewusstsein – alles unheimlich wichtige Eigenschaften für unsere Kinder.

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Innenseite aus: Akim rennt © Moritz Verlag, Illustrationen: Claude K. Dubois

Generalprobe "Akim rennt" am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Generalprobe „Akim rennt“ am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Generalprobe "Akim rennt" am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Generalprobe „Akim rennt“ am 14.9.2016 in Berlin. Foto: Gero Breloer für IG BCE

Und mit diesem Gedanken möchten wir unseren kleinen Exkurs zum Kindertheater nun auch beenden. Theater für ein junges Publikum gestaltet sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz unbeschreiblich vielseitig. Kinderbücher spielen für die Theaterhäuser eine wichtige Rolle und werden immer wieder gern als Vorlage für neue Stücke genommen. Der Weg einer Adaption oder Bearbeitung sieht dabei aber immer anders aus – je nachdem welche Personen agieren, welche Voraussetzungen ein Theater hat oder welcher Schwerpunkt gelegt werden soll.

Für die Kinderliteratur ist dieser Prozess im Umkehrschluss ebenso von großer Bedeutung. In unseren Augen sollte man dieser Tatsache und dem Wechselspiel dieser, von ihrer Rezeption her so nahen, Künste viel mehr Beachtung schenken. Spielpläne konkret nach bekannten Kinderbuchvorlagen ansehen, die Bücher im Vorfeld vorlesen oder aber im Nachhinein entdecken. Beide Richtungen sind denkbar und bereichernd, denn ein gesehenes Theaterstück beeinträchtigt die Bilder aus unserer Fantasie, die beim Lesen entstehen, nicht in dem Maße, wie es beispielsweise bei einer Filmadaption der Fall ist. Lassen wir die kleinen LeseEntdecker also auch zu TheaterEntdeckern werden und ermöglichen wir ihnen mehr Möglichkeiten diese wunderbare Kunst zu erleben!

Ganz zum Schluss noch ein paar Empfehlungen, wo gerade spannende Kinderbuchadaptionen am Theater zu sehen sind/sein werden bzw. noch einige ausgewählte Hintergrundinfos zum Thema:

Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch von Andreas Steinhöfel am tjg. Dresden ab 25.11

Herr der Diebe von Cornelia Funke am Staatsschauspiel Dresden ab 11.11

Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus von Torben Kuhlmann am Schauspielhaus Bochum ab 14.10

Der Besuch von Antje Damm am Theater Pfütze Nürnberg noch bis Dezember 2017

Die große Wörterfabrik von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo am Theater der jungen Welt Leipzig noch bis November 2017

Interview mit der Illustratorin Claude K. Dubois zur Entstehungsgeschichte von Akim rennt

Brandneue Studie zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland

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