Große Gefühle im Wandel der Jahreszeiten

Es gibt Bücher, die ziehen einen auf den ersten Blick in ihren Bann und versprechen Literaturgenuss auf höchstem Niveau. Wenn sie diesem Versprechen beim Öffnen und Lesen dann auch gerecht werden, dann sind es wahre Bücherschätze. Ein solches und mehr ist Stian Holes jüngstes Bilderbuch um die Sehnsucht nach Freundschaft und das Aufblühen der ersten Liebe. Uns ist es schon vor einer Weile begegnet und wir haben nur noch auf die richtige (Jahres-)Zeit gewartet, um es hier vorzustellen. Nun ist sie gekommen – die Zeit, in der sich der Winter in den Frühling wandelt.

Morkels Alphabet von Stian Hole und übersetzt von Ina Kronenberger, erschienen im Carl Hanser Verlag.

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Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

Morkel hat den dicken Schal bis über die Nase gezogen und die weiße Strickmütze gibt nur ein paar wenige Haarsträhnen und Sommersprossen auf der Stirn frei. Das, was wir sehen, sind seine Augen – hellbraun gesprenkelt und mandelförmig. Erwartung und Hoffnung liegt in ihnen – ihr Blick aber ist nicht auf uns gerichtet. Morkel schaut vorbei – suchend und wartend. Aber auf wen?

Ein großartiger Auftakt und eine sehr gelungene Einbandgestaltung auf edlem Halbleinen machen hier wirklich Lust auf mehr. Und mehr als mehr wird kleinen wie auch großen LeseEntdeckern dann auch geboten.

Es ist Winter und Stian Hole nimmt uns in seinen atmosphärischen, teils surrealen Bildern mit in die Wälder Norwegens. Dort findet Anna auf dem Acker am Waldrand kleine Zettelbotschaften. Der Schreiber ist Morkel, der Inhalt geheimnisvoll. Wie auch schon auf dem Cover scheint Morkel sich zu verstecken – streift als Schatten umher, geht nicht zur Schule. Doch Anna findet ihn.

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Innenseite aus: Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

Einen märchenhaften Traum in dunkelblauen und violetten Tönen später entdeckt Anna frische Fußspuren im Schnee, die sie schließlich zu Morkels Versteck führen. Einem Baumhaus hoch oben über dem Waldboden mit Blick über die Bäume und nahe bei den Vögeln, die eine ganz besondere Rolle in Morkels und Annas Geschichte spielen. Sie fliegen weg, um letztlich aber eben auch wieder zurück zu kehren.

Vor dem Einschlafen denkt Anna an Morkel.
Sind seine Zettel nur für sie?

Wartet morgen auf dem Acker eine weitere Botschaft?
Eine Botschaft, die man laut hinausschreien
oder leise in sich hineinflüstern
oder vielleicht in der Schuhspitze verstecken kann?

 

Morkel lässt Anna – und somit auch uns – seine kleine Welt betreten und gewährt ihr Stück für Stück einen Einblick in sein Wesen, seine Gedanken und seine Sehnsüchte. Es ist eine Art Reise, die der Leser nun antritt – hin zu dem wirklichen Ich von Morkel und der zarten Bande, die sich zwischen den beiden Kindern anbahnt. Und diese Reise erzählt Hole in Text wie auch Bild auf erstaunlich behutsame Art und Weise, spielt mit den verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten und setzt sie punktgenau an der richtigen Stelle ein.

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Innenseite aus: Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

In einem wirklich sehr hörenswerten Gespräch von Ute Wegman mit Stian Hole für den Deutschlandfunk erfährt man viel über Holes Arbeitsweise – dem digitalen Collagieren  – und wie wichtig ihm der Wechsel des Blickwinkels innerhalb der Geschichte ist. Lange wählt er die Perspektive beispielsweise so, dass Morkel selbst nicht richtig zu erkennen ist. Wir sehen ihn von hinten im Halbdunkel, als Teil einer schwarzen Silhouette von Bäumen, die den Acker säumen oder nur in Form eines hinterlassenen Schneeengels aus der Vogelperspektive.

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Innenseite aus: Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

Schließlich nähern sich Morkel und Anna immer mehr an und verbringen unbeschwerte Stunden im Baumhaus und in der Natur. Sie beobachten die Vögel, unterhalten sich oder schweigen einfach gemeinsam. Und bei alle dem suchen sie immer wieder Wörter für Morkels Alphabet – denn Morkel sammelt Wörter.

Alles wirkt größer, wenn sie mit Morkel zusammen ist.
„Alphabet, Affe, Abmachung, Arktis und Anna“, flüstert Morkel.
„Morkel, Mond, Makrele, Milch und Mut“, lächelt Anna.

 

Einmal – während sie gerade wieder auf Wörtersuche sind, holt uns Hole ganz nah heran. Warm eingepackt in ihre Schlafsäcke, die er aus dem Stoff gewebt hat, der sonst nur für den Sternehimmel vorgesehen ist, liegen beide Kinder in ihrem gemeinsamen Versteck. Eine Momentaufnahme, die berührt und festhält. Ein schnelles Weiterblättern ist hier nicht möglich – zu viel gibt es zu entdecken. Gemeinsam kann man hier mit den kleinen LeseEntdeckern innehalten und darüber nachdenken, wie Morkel und Anna sich gerade fühlen, was sie denken. Das ist wahrlich große Bilderbuchkunst gepaart mit viel Gespür für die kindliche Wahrnehmung von Situationen und Gefühlen.

Neben Holes faszinierender Bildsprache sind es vor allem aber auch die kurzen Texte, die der Geschichte das Besondere verleihen. Daher sei an dieser Stelle auch die wunderbare Arbeit der Übersetzerin Ina Kronenberg erwähnt, denn es setzt sehr viel Sprachgespür voraus, einen so verdichteten und lyrisch anmutenden Text in eine andere Sprache zu übertragen.

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Innenseite aus: Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

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Innenseite aus: Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

Wie die Zugvögel ist auch Morkel eines Tages verschwunden und Annas Glück wandelt sich in Angst. Angst den neu gefundenen Freund und die damit verbundenen, so besonderen und neuen Gefühle nicht wieder zu finden. Angst vor dem Vermissen.

Doch das Vermissen kommt. Morkel ist weg und mit ihm auch seine Botschaften. Anna versucht zu vergessen – schafft es aber nicht. Denn Liebe lässt kein Vergessen zu, wie sehr man es auch versucht. Sie sorgt eher dafür, dass Anna nicht aufgibt Morkel wieder zu finden. Der beginnende Frühling und das einsetzende Vogelgezwitscher helfen ihr dabei – bis sie schließlich eine Landkarte in den Händen hält, die sie wieder zu Morkel führen soll.

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Innenseite aus: Morkels Alphabet © Carl Hanser Verlag, Illustrationen: Stian Hole

Mit Morkels Alphabet hat Stian Hole ein sehr kunstvolles Bilderbuch für die ganze Familie geschaffen. Zum gemeinsamen Innehalten und zur Ruhe kommen. Es vereint große Gefühle und atemberaubende Naturszenen, hält viel Wissenswertes bereit und könnte unserer Ansicht nach ohne weiteres verfilmt werden, so sehr regt es die Fantasie an.

Und zum Schluss mal wieder ein EntdeckerTipp: Viele Details aus der Geschichte sind wie dafür gemacht, sich inspirieren zu lassen oder sie auch auszuprobieren. Sei es das Beobachten der Vögel im Wandel der Jahreszeiten, das Suchen von Wörtern oder das Auslegen von Zettelbotschaften.

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