Ein Buch, das in Erinnerung bleibt

Ein weiteres Buch, das ich dieses Jahr gern auf der Buchmesse gesehen hätte, ist dieses wichtige Bilderbuch im schönsten Rot. Schon von weitem hätten einem die beiden Damen auf dem Cover freundlich entgegengeblickt und vielen wäre wohl sofort die Ähnlichkeit aufgefallen, die in den beiden verschmitzt dreinblickenden Augenpaaren liegt.

Ja, hier wird von der besonderen Beziehung zwischen einer Oma und ihrer Enkelin erzählt. Aber längst nicht nur – dieses Bilderbuch reiht gleich mehrere Geschichten aus der Vergangenheit sowie aus dem Hier und Jetzt aneinander und widmet sich so dem wichtigen Thema der Altersdemenz – dem Vergessen im Alter.

Oma Kuckuck von Frauke Angel und illustriert von Stephanie Brittnacher, erschienen bei der Edition Pastorplatz.

Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher


Die kleine Protagonistin im Buch verbringt sehr gern Zeit bei und mit ihrer Oma – das spürt man ab der ersten sonnengelben Seite im Buch. Verträumt und glücklich sitzt sie mit ihrer Oma Kuckuck am Küchentisch und wartet darauf, dass sich die Tür des kleinen Kuckuckhäuschens öffnet und Omas Vogel zum Mittagsessen ruft. Dann ist endlich Zeit für Vanillesuppe mit leckeren Gartenhimbeeren. Und auch so manch andere wichtige Tageszeit hat der kleine flatternde Freund stets im Blick. Zum großen Glück von Oma Kuckuck natürlich, denn so kann es ihr nicht passieren, dass sie die richtige Zeit für den Mittagsschlaf oder gar den Muckefuck am Nachmittag vergisst.

Jemand zu haben, der sie an die wichtigen Dinge am Tag erinnert, ist für Oma Kuckuck nämlich sehr praktisch. Nur bei den nicht ganz so wichtigen Dingen, wie beispielsweise dem Rezept für die Vanillesuppe oder den Memory-Spielregeln, tut es auch eine Prise Kreativität, um weiterzukommen. Und darin ist Oma Kuckuck – zur großen Freude ihrer Enkelin – mittlerweile eine wahre Meisterin.

Das sind im Übrigen auch Frauke Angel und Stephanie Brittnacher, wenn es darum geht, all das auf ganz verschiedenen Ebenen zu erzählen. Die konkreten Worte legt die Autorin der kleinen Protagonistin in den Mund und lässt sie somit zur eigentlichen Erzählerin im Buch werden. Ihre Perspektive auf ihre geliebte Oma verrät erst nach und nach, was eigentlich hinter ihrem großen Einfallsreichtum steckt. Warum die Vanillesuppe eben jedes Mal anders schmeckt, der Muckefuck und selbst das Memoryspiel nur nach Geheimrezept funktionieren oder warum Oma so gern von ihrer eigenen Kindheit erzählt.

Nebenher schafft Stephanie Brittnacher mit ihren Bildern ein ganzes Oma Kuckuck-Universum, das durch wunderbare Details schon eher den eigentlichen Hintergrund der Geschichte erahnen lässt. Und auch wenn der ja wirklich traurig und tragisch ist, tragen die vollen Farben und bunten Einzelheiten die kleinen LeseEntdecker ganz wunderbar bis zum tröstenden Ende.

Innenseite aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher
Detail aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacherrift


Diese stimmige Gesamtheit von Bild und Text rührt aus der besonderen Zusammenarbeit von Autorin und Illustratorin. Auf Nachfrage hat mir Frauke Angel verraten, wie wichtig beiden Frauen der Austausch und der gemeinsame Weg von der Idee bis zum letzten Pinselstrich war. Oma Kuckuck ist also quasi in den Gesprächen von Autorin und Illustratorin entstanden und profitiert zudem von den besonderen Erfahrungen der Autorin aus ihrer langjährigen Arbeit mit Senioren. Vieles, was im Buch erzählt wird, beruht auf wirklichen Ereignissen oder Beobachtungen. Oma Kuckucks besondere Art und Weise, Memory zu spielen, stammt beispielsweise von einer realen alten Dame, die Frauke Angel im Seniorenheim kennengelernt und schließlich zur Memmerkönigin gekrönt hat, weil ihr ihre Spielweise so viel besser gefiel als das Original. Und das kann ich nur zu gut nachvollziehen – denn schließlich ist es viel lustiger zu zwei falsch aufgedeckten Karten eine Geschichte zu finden, als immer nur das passende Gegenstück. Wie schön, dass dieses Detail seinen Weg ins Buch gefunden hat und sich auch so wunderbar in Stephanie Brittnachers Collagen wiederfindet.

Ein weiteres Detail, das mich sehr berührt hat, ist die Brücke zwischen den Generationen, die wunderbar in die Geschichte eingewoben ist. Neben der Enkelin spielen natürlich auch die Tochter und der Schwiegersohn eine Rolle im Buch. Ihre Sicht auf Oma Kuckucks kreatives und immer mehr auch beunruhigendes Verhalten bekommt genauso ihren Platz, wie auch Oma Kuckucks Erinnerung, als sie noch das kleine Mädchen war und sich nichts sehnlicher als einen kleinen Hund gewünscht hat. Die Ähnlichkeit der kleinen Protagonistin zur jungen Oma Kuckuck und die der erwachsenen Tochter zur Mutter von Oma Kuckuck in der Vergangenheit ist in diesem Zusammenhang ganz großartig.

Generell ermöglicht es das Nebeneinander verschiedener Generationen und Rollen, die sich mit den Jahren wandeln und den stetigen Kreis in einer Familie zeigen, dass sich alle Familienmitglieder gleichermaßen in die Geschichte eindenken können, was wiederum der Bedeutung des Themas nur gerecht wird.

Innenseite aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher
Innenseite aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher


So wird schließlich auch der schwere Weg gezeigt, der folgt, wenn weder Kreativität oder Einfallsreichtum, noch ein kleiner flatternder Freund ausreichen, um den Tag gut zu meistern. Ein trauriger, aber wichtiger Wendepunkt in der Geschichte, der sehr einfühlsam den Blick der Angehörigen von Demenzkranken zeigt, aber eben auch nicht der letzte im Buch sein soll. Denn die kleine Protagonistin kennt ihre Oma Kuckuck ja besonders gut und vor allem aus dem kindlichen Blick heraus. Ein Glück für Oma Kuckuck, für die es doch so praktisch ist, dass sie jemand an die wichtigen Dinge erinnert.

Und so schlägt Frauke Angel an dieser Stelle noch den Bogen zur Bedeutung der Kindheit für Menschen, die an Altersdemenz erkrankt sind und erfüllt dem Kind in Oma Kuckuck zum Schluss noch einen Herzenswunsch, der sich schließlich als neuer Freund und wichtiger Halt im neuen Tagesablauf herausstellt. Was für eine großartige Idee.

Innenseite aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher
Innenseite aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher


Oma Kuckuck ist nicht das erste Buch, das es zum Thema Demenz für Kinder gibt. Aber es vereint eben in besonderem Maße verschiedene Perspektiven und macht es daher für das gemeinsame Anschauen und Vorlesen innerhalb der Familie, ob nun betroffen oder nicht, ganz besonders wertvoll.

Außerdem ist es wirklich authentisch und lebt sehr von den eingeflossenen wirklichen Personen, Orten und Begebenheiten, von denen Autorin und Illustratorin sicher in kommenden Lesungen noch viel erzählen werden. Auch in den Seniorenheimen, wo Frauke Angel mit Vorliebe über das Bilderbuchkino erzählt und den Menschen dort ein unvergessliches Erlebnis schenkt – sollte es auch nur für einen Tag sein.

Innenseite aus: Oma Kuckuck © Edition Pastorplatz, Illustration: Stephanie Brittnacher

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